Es ist enorm spannend, wenn sich um die 100 Vordenker, Visionäre und Gemeindeentwickler einen Tag lang in einem Raum versammeln. Da herrscht so eine kreative, knisternde Zukunftserwartung. Auch beim Think Tank Gemeinde 4.0 im vergangenen November in der FeG Wetzlar ging es um Trends, Herausforderungen und Chancen. Rund um die Frage, was die veränderten Bedürfnisse einer mobilen und vor allem individualisierten Gesellschaft für Kirchengemeinden bedeuten.

Im Zentrum standen auch diesmal fundierte Expertenimpulse, Gedankenaustausch und Vernetzung. Hier kommen meine persönlichen Höhepunkte dieser interaktiven Zukunftskonferenz, die exklusiv für Pastoren, Gemeindeleiter, Berater, Planer und engagierte Mitarbeiter aller Denominationen ist:

 

Sich für die Bedürfnisse der Menschen öffnen, persönlich und räumlich

Johannes Reimer, Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie, sieht vor allem in Beziehungsnetzwerken effektive Schlüssel für die Weitergabe des Evangeliums. Als es um das neutestamentliche Oikos-Prinzip ging, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Damals hatte man sich ja in den Häusern zum Beten, Bibellesen, Brotbrechen und zur Lehre getroffen. Diese kann man aber nicht mit heutigen Wohnungen oder Einfamilienhäuser vergleichen, auch nicht mit unseren Hauskreisen oder Hausgemeinden.

Die damaligen Häuser gehörten meist wohlhabenden Bürgern, Unternehmern oder Händlern, in denen ganze (Groß-)Familien mit ihren vielen Bediensteten wohnten. Es waren offene Häuser mit einem starken Beziehungsgeflecht in die Nachbarschaft hinein. Mit ihren Nachbarn waren sie eng verbunden, weil sie mit ihnen zusammenarbeiteten und Gastfreundschaft pflegten. Wenn sich dort jemand bekehrte und seine Lebensweise änderte, hatte das automatisch Auswirkungen auf die ganze Großfamilie, das ganze Umfeld, ja, den ganzen Stadtteil.

Think Tank, Thementisch Oikos-Prinzip

Thementisch mit Prof. Dr. Johannes Reimer, Foto: 4Wände GmbH

Gesunde Beziehungen (er-)leben – das Grundbedürfnis der Menschen heute

Auch das folgende löste bei mir ein Aha-Erlebnis aus: Wenn gelebter Glaube in ein solches Umfeld hineinkam, dann konnte der nicht in Sonntag und Montag getrennt werden. Er blieb nicht verborgen, weil er im Gegensatz zu unserer freikirchlichen Kultur der letzten 150 Jahre nicht als persönlich und privat eingestuft wurde. Vielmehr war der Glaube an Christus immer mit Transformation verbunden, die in konzentrischen Kreisen ansteckte.

Heute in unserer Gesellschaft haben wir diese Großfamilien nicht mehr, die offenen Häuser, dafür starke Vereinzelung und Individualisierung. Wenn allerdings Gemeinde sich als große Familie versteht, dann ergreifen wir den Auftrag der heutigen Zeit: dieses Vakuum der Individualisierung zu füllen mit familiären Strukturen, mit Zugehörigkeit und Eingebundensein in gesunde Beziehungen. Indem wir Menschen die Möglichkeit bieten, anzudocken. Entweder als private Familie, die sich für ihre Nachbarschaft und Stadt interessiert und öffnet, oder als intakte Gemeinde, für die es entsprechende Räume zu schaffen gilt.

 

Berührungsängste mit der Gesellschaft ablegen

Kirche müsse da sein, wo die Menschen sind und sich für ihre Bedürfnisse interessieren, davon ist Johannes Reimer überzeugt. Sobald das geschehe, rücke Kirche automatisch in die Mitte der Gesellschaft. Ihr weit verzweigtes Netz an Familien- und Freundesbeziehungen sei die Plattform gewesen, auf der die Urchristen so erfolgreich Gemeinde bauten. Menschen vertrauten und dienten einander. Sie waren füreinander da, auch über die wöchentlichen Veranstaltungen hinaus. Übertragen auf heute kann das bedeuten: Wer sich im Gemeinwesen engagiert, um etwa als Gemeinde eine Kita zu renovieren, wird für sein Umfeld relevant.

 

Die Chance von Third Places: der neutrale Boden, um das Evangelium zu säen

Für Stefan Vatter, Berater für Kirchengemeinden und Unternehmen, standen vielmehr die Orte, an denen sich Menschen gerne aufhalten, im Vordergrund. In den letzten Jahrzehnten sei vor allem unter jungen Leuten eine starke Tendenz zu so genannten Third Places zu erkennen. So bezeichnen Soziologen (halb-)öffentliche Räume der Begegnung wie Gastronomie oder Sportzentren, in Abgrenzung zum First Place (Zuhause) und Second Place (Arbeitsplatz). Als Orte der Vernetzung, der Erholung und des Erlebens spielen sie laut Trendforschung eine immer größere Rolle.

Stark ermutigt hat uns Stefan Vatter, diese Räume einzunehmen und zu nutzen, als verantwortungsvolle Christen in der Gesellschaft und als Kirchengemeinden. Wir können solche Räume selbst kreieren, indem wir einerseits physische Räume schaffen, wo Menschen sich gerne aufhalten. Vor allem aber auch, indem wir die geistliche Hoheit über bestimmte öffentliche Räume übernehmen, z. B. in Form von Veranstaltungen in der Mitte der Gesellschaft.

Think Tank, Stefan Vatter

Stefan Vatter zu Third Places, Foto: 4Wände GmbH

Im Sinne Gottes zu denken heißt, in Reich-Gottes-Kategorien zu denken

Stefan Vatter berichtete von seinem Gebetsnetzwerk „Initiative Gebet Allgäu“ (IGA e.V.). Mit diesem organisieren sie regelmäßig Veranstaltungen zu gesellschaftlich oder politisch relevanten Themen und laden Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft ein. Die Gäste, die teilweise auch als Sprecher auftreten, kommen im Anschluss in den Genuss eines öffentlichen Gebets. – Eine effektive Möglichkeit, Verantwortungsträger sowie ihre Themen und Herausforderungen mit Jesus in Verbindung zu bringen. Und gleichzeitig mit Gottes Macht und Einfluss. Das berühre Menschen, weil ihnen bewusst werde, dass es einen Vater im Himmel gibt, dem man sich mit diesen Belangen anvertrauen kann. Und es habe schon zu bewegenden Momenten und Zeugnissen geführt, so Stefan Vatter.

 

Zu den Menschen gehen, die den Arzt brauchen

Manchmal muss man sich für so etwas aus den klassischen kirchlichen Räumen heraus bewegen. Genau wie aus dem üblichen Konfessions- oder Denominationsdenken. Außenstehende empfinden Gemeinde erst mal als fremd oder als zu heilig, um von sich aus dort hinzukommen. Wenn man sich aber ganz bewusst mit Jesus zusammen in den niedrigschwelligen Third Places bewegt, kann es viel leichter gelingen, Salz und Licht zu sein.

Neues zu wagen und Altbewährtes wieder aufzugreifen – mancher Teilnehmer war damit kräftig herausgefordert. Am 23. November 2019 startet der nächste Think Tank 4.0. Mal sehen, vielleicht werden gerade Sie dort ein wichtiger Impulsgeber sein oder den entscheidenden Denkanstoß mit in Ihre Gemeinde bringen.