(aus einem Impulsvortrag von Flo Stielper auf der Think Tank Konferenz 2021)

Von einem Märchen „Der Bär, der ein Bär bleiben wollte…“ inspiriert, startet Flo Stielper in seinen Impulsvortrag auf der Think Tank Konferenz – Kirche der Zukunft. Die Essenz dieser Geschichte ist, dass ein Bär durch äußere Umstände seine eigene Identität verliert. Erst durch eine Begegnung mit einer Person, die ihn als das sieht was er wirklich ist, kommt er wieder zu sich und lebt seine Bestimmung als Bär.

Flo Stielper vermutet, dass sich in unserer christlichen Gesellschaft viele befinden, die ihre Identität als Christen verloren haben. Wissen wir denn wofür wir geschaffen sind und kennen den für uns bestimmten Auftrag unseres Lebens?

Gott bleibt für große Teile der Gesellschaft verdeckt

Mit einem Zitat von Jordan B. Peterson fasst Stielper zusammen: „Wir haben unser gemeinsames Narrativ verloren“.  Unser christliches Narrativ, steht in Genesis, als Gott sprach „Lasst uns Menschen machen!“ (1.Mose 1, 26). Hier steht der Auftrag für uns Christen deutlich:

Ihr seid Geschöpfe Gottes

Kennen wir denn den Inhalt unserer Geschichte, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Kennen wir den Auftrag, den wir durch Gott erhalten haben und leben diesen auch nach außen oder haben wir unsere Bestimmung, unsere Geschichte verloren?

Gott bleibt für große Teile der Gesellschaft verdeckt. Jedoch sollte das Ziel unseres Auftrages sein, die Geschichte weiterzugeben und so „Das höchste aller Ziele zu erreichen: Anteil am Göttlichen zu haben“.

Der Mensch ist ein religiöses Wesen, das immer Religion in unterschiedlichster Form auslebt. Jeder Mensch sucht sich Ziele, die er anbeten oder verehren kann. Dabei erschaffen sich die Menschen Pseudo-Religionen. Will heißen, es werden Ziele aus einem Mangel heraus geschaffen, welchen die Menschen nachjagen oder sich unterordnen können.

Formen der Pseudo-Religionen können unter anderem Schönheit, Macht oder Reichtum sein. Um ihre Ziele zu erreichen, ordnen sich Menschen in einer anbetenden Art und Weise unter und investieren alles um diese zu erreichen. Keines dieser aufgelisteten Pseudo-Religionen sind an sich falsch oder verwerflich, doch sie können dazu führen, dass wir unseren eigentlichen Auftrag, unser übergeordnetes Ziel vergessen: Mit Gott in Gemeinschaft zu sein. Gott als höhere Instanz in unserem Leben soll uns helfen unsere Ziele richtig einzustufen, sodass sie für uns im gesunden Maß gut sind.

Abschaffung Gottes hat fatale Konsequenzen

„Die Abschaffung dieses Narratives, die Abschaffung Gottes hat fatale Konsequenzen für den Menschen“, so Stielper. Es hat Konsequenzen, wenn in einer Gesellschaft Gott für tot erklärt wird (Friedrich Nietzsche) und der Mensch deshalb selbst zum Maßstab wird und sich nichts Höherem mehr unterordnet. Dadurch werden absolute Wahrheiten und Werte, die über dem Menschen stehen, schwer vorstellbar.

Christen haben in der Vergangenheit die Gesellschaft immer wieder mit ihren Werten in guter Weise geprägt. Doch in der heutigen Zeit ist unser gesellschaftlicher Einfluss fast nicht mehr wahrzunehmen.

Wo prägen und wirken wir als Christen Bereiche unserer Gesellschaft? Wo geben wir Impulse z.B. in der Kunst, der Kultur, der Wissenschaft, der Politik? Wo sind die Johann Sebastian Bachs unserer Zeit, die durch musikalische Werke Gottes Größe verkünden? Wo zeigen wir unseren Einfluss in der heutigen Zeit? Müssen wir etwas ändern, um unseren inneren Bären, unsere eigentliche Bestimmung, unseren Auftrag wieder zu finden?

Was wir vom Mönch Columban lernen können

Über eine Zeitreise in das römische Reich (591 nach Christus) macht Flo Stielper deutlich wie Menschen, die ihren Auftrag lebten, die damalige Gesellschaft positiv veränderten. Ein Mönch namens Columban von Luxeuil hat sich gemeinsam mit 12 seiner Mönchsbrüdern von Irland zum Europäischen Festland auf den Weg gemacht.

Sie gründeten drei Klöster, welche einen unglaublichen Erfolg unter jungen Menschen erzielten. In den nächsten zwei Jahrhunderten multiplizierten sich diese und es entstanden knapp 300 weitere Klöster. Der christliche Glaube, der bis dahin überhaupt nicht in der Gesellschaft angekommen war, beginnt sich durchzusetzen, sodass Menschen durch das Evangelium verändert wurden. Columban und seine Mönchsbrüder haben das christliche Abendland, so wie wir es heute kennen, durch ihren gelebten Auftrag erst möglich gemacht.

Columban hat mit seiner Mission das Evangelium neu, verständlicher und einfacher erklärt, indem er es an die Kultur und Lebenswelt der Bevölkerung angeknüpft hat. Mit der iro-schottischen Mönchskultur baute er Brücken zu den Menschen, um ihnen weiterzuhelfen und Fortschritt zu schaffen. Die Klöster sind nicht nur Stätten des Gebets, sondern der Bildung, Kultur und Kunst geworden. Dadurch konnte die Gesellschaft massiv beeinflusst werden.

Die Frage, die sich nun stellt ist: Was können wir von Columban lernen?

  1. Wir dürfen uns neu mit dem Evangelium beschäftigen. Die letzten 50 Jahre sind christliche Kirchen sehr gewachsen und Menschen waren interessiert. Was ist jetzt anders? Menschen erstehen das Evangelium nicht mehr. Wenn „Schuld“ für Menschen nicht mehr verständlich ist, so können sie auch Erlösung nicht mehr erfassen bzw. begreifen.
  2. Wir leben einer Schamkultur! Dass bedeutet, dass wir Scham statt Schuld thematisieren müssen. Zudem leben wir in einer stark individualisierten Kultur. Wir können auf dem Weg nicht alle erreichen. Das Evangelium ist viel breiter und hat viel mehr Dimensionen als wir es bisher vielleicht kommuniziert haben.
  3. Wir dürfen weltzugewandt und aktiv unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Lassen wir es nicht zu, dass der Fokus auf die Endzeit unseren göttlichen Auftrag in Vergessenheit geraten lässt und wir uns nicht mehr um unsere Gesellschaft kümmern.
  4. Vergessen wir doch nicht, dass Christen für unsere Gesellschaft relevant sind. Überdenken wir doch, dass wir uns unseren göttlichen Auftrag auch in den Bereichen der Bildung, der Kunst und der Kultur wahrnehmen. Hier haben wir bereits viel verpasst. Westeuropa hat keine Denker und Denkerinnen mehr, die überzeugend darstellen können, dass christlicher Glauben nicht naiv, sondern eine logische und legitime Konsequenz.

Es ist Zeit unsere Verantwortung als Christen in der Gesellschaft wieder wahrzunehmen, nicht nur einfach gegen all das „Weltliche“ zu sein, sondern es zu prägen mit den guten Gedanken Gottes über die Menschen.

Flo Stielper ist der Teil der Geschäftsleitung von Campus für Christus und Sänger der Band Good Weather Forecast, eine christliche Band auch in der kommerziellen deutschen Musikszene Erfolge feierte.