Einer meiner Mitarbeiter war der Meinung, dass unsere Nachwuchskräfte von grundlegenden Prinzipien, die Orientierung und Struktur geben, profitieren würden. So etwas lernt man ja nicht in der Schule. „Können wir mal wieder ein Buchprojekt machen?“, fragte er mich kürzlich.

Schon vor einigen Jahren lasen wir „Die 7 Wege zur Effektivität“ von Stephen R. Covey mit unseren Führungskräften und Teamleitern. Wir hatten von ihnen überaus positive Rückmeldungen bekommen, es hatte ihnen im Alltag wirklich geholfen. Auch mit unseren neuen Mitarbeitern treffen wir uns nun alle zwei bis drei Wochen für eine Stunde, in der wir das zu Hause gelesene Kapitel besprechen.

Das zweitwichtigste Buch meines Lebens

Coveys Bestseller von 1989 ist das Buch nach der Bibel, das mein Leben als Führungskraft, Unternehmer und Mensch am stärksten geprägt hat. Der inzwischen verstorbene Covey war ein US-amerikanischer Unternehmensberater, der wie ein Guru gehypt wurde. Sein bekanntestes Werk ist ein Potpourri von Wahrheiten aus der Bibel und der Weisheitsliteratur, auf die er immer wieder verweist. Im Gegensatz zu anderen Managementbüchern finden sich hier grundlegende Lebensprinzipien in einer Art Gesamtschau. Damit geht es weit über einzelne Themen wie Zeitmanagement hinaus.

Das erste Mal las ich das Buch auf Englisch unter dem spritzigeren Titel ‚The 7 Habits of Highly Effective People‘ auf einem Interkontinentalflug nach Australien. Damals, kaum älter als 25 Jahre, stand ich noch am Anfang meiner beruflichen Karriere. Dieser dicke Schinken hatte mich total gepackt.

Von der Freiheit, ich selbst zu sein

Der erste Buchteil handelt von grundsätzlichen Prinzipien, wie wir die Welt sehen. Danach ist es gleichermaßen wichtig, seine eigene Perspektive im Leben zu kennen, wie auch jedem anderen Menschen seine individuelle Lebensbetrachtung zuzugestehen. Eine solche Haltung erleichtert Kommunikation erheblich.

Covey bezeichnet es als ein Grundprinzip von Freiheit, dass man sich selbst erkennt und annimmt, genau wie das, was in einem steckt. Er plädiert dafür, sich selbst zu sein, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln sowie seine eigene Berufung zu entdecken, anstatt andere und ihr Tun zu kopieren. Ansonsten spielt man im Leben nur eine Rolle, die nicht zu einem passt.

Image-Ethik versus Charakter-Ethik im Management

Covey nennt Beispiele aus den USA, wo viele Menschen Karriere machen, indem sie sich gut präsentieren. Sie streben nach Macht, Geld und Einfluss. Doch oftmals fehlt das Interesse, positiv und nachhaltig in die Gesellschaft hineinzuwirken. Charakter-Ethik dagegen heißt, Verantwortung zu übernehmen und Gutes zu tun. Allerdings nicht, um etwas darzustellen, das man nicht ist. Die folgenden sieben Wege helfen bei der persönlichen Entwicklung und dabei, authentisch zu sein:

1. Weg: Proaktiv sein

 Proaktivität ist das Gegenteil von Reaktivität. Es bedeutet, sich in seiner persönlichen Entwicklung nicht von Umständen und anderen Menschen bestimmen zu lassen, sondern – orientiert an den eigenen Zielen und Werten – selbst die Initiative zu ergreifen. Dadurch entwickelt man eine gewisse Unabhängigkeit. In Verhandlungen etc. neigen Menschen dazu, auf ihr Gegenüber nur zu reagieren. Ist es aggressiv oder provokativ, reagieren Menschen auf die gleiche Weise. Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie, erkannte, dass sich der Mensch nicht nur durchs Denken vom Tier unterscheidet, sondern auch durch die ihm zur Verfügung stehende Zeitspanne zwischen Reiz und Reaktion. Der Mensch ist somit fähig, nicht mit einem Gegenschlag zu reagieren, sondern deeskalierend eine Situation zu verändern.

Vision und klare Ziele

 Proaktivität bedeutet für mich als Unternehmer und Projektmanager, grundsätzlich eine initiative Haltung zu entwickeln, anstatt zu erwarten, dass andere den ersten Schritt tun. Dazu gehört, sich immer wieder zu fragen: Was ist jetzt wichtig und notwendig, um eine Entwicklung voranzubringen? Und mich nicht abhängig zu machen von der Initiative und dem Verhalten anderer.

Covey unterscheidet zwischen unserem persönlichen Einflussbereich, den wir gestalten können und unserer Interessensphäre, in die wir zwar Einblick, aber in der wir keinen Einfluss haben. Daher empfiehlt er, sich auf seinen eigenen Einflussbereich zu konzentrieren, der sich dann graduell erweitern kann.


2. Weg: Schon am Anfang das Ende im Sinn haben

Hier geht es um Lebensführung und Prioritäten setzen. Dinge oder Ideen werden immer zweimal geschaffen: im Kopf und in der Realität. Wenn wir etwas bewegen oder erschaffen wollen, stellt sich die Frage, was am Ende entstehen soll? Wer für seinen Einsatz für die Familie, für seine Freundlichkeit oder beruflichen Erfolge in Erinnerung bleiben will, kann durch das kraftvolle Bild vom Endergebnis den Weg finden, der ihn dorthin bringt. Betrachten wir unser Projekt oder gar unser gesamtes Leben vom Ende her, dann können wir stets entscheiden, was dafür eine gute oder schlechte Aktivität ist.

Das Zielfoto von der eigenen Beerdigung

Ein hilfreiches Gedankenspiel ist die Vorstellung der eigenen Beerdigung, bei der wir in der ersten Reihe sitzen: Was sollen die Trauerredner sagen? Covey plädiert dafür, dieses Bild zu entwickeln und schriftlich festzuhalten. Was kann ich dazu tun, damit mein Vermächtnis heute und in den nächsten 20-30 Jahren zustande kommt? Für mich ein sehr aussagekräftiges Bild, weil sich dadurch die wirklichen Prioritäten im Leben offenbaren, auch im Hinblick auf die Ewigkeit. Was muss ich heute noch klären? Wie sieht es mit meiner Gottesbeziehung aus? Und es zeigt, dass Menschen und Beziehungen viel wertvoller sind als Dinge und Geld.


3.
Weg: First things first – Das wichtigste zuerst

 Hier geht es darum, Prioritäten zu definieren und umzusetzen. Covey nutzt das Eisenhower-Prinzip, das anstehende Aufgaben in vier Kategorien einteilt. Diese werden den zwei Achsen – wichtig/nicht wichtig und dringend/nicht dringend – zugeordnet.

Wir sollten unsere Aktivitäten um unsere wichtigsten Prioritäten herum organisieren. ‚Das wichtigste zuerst tun‘ bedeutet, ungeachtet der Umstände nach jenen Prinzipien zu leben, die wir am meisten wertschätzen und uns von ihnen antreiben lassen, anstatt von äußeren Dringlichkeiten.

Das funktioniert, indem man den strategischen, langfristigen Dingen genau wie auch seinen Beziehungen genügend Zeit einräumt, seine Lebensrollen definiert und für sie verschiedene Ziele setzt: Ehe/Familie, Beruf, Freundschaftspflege, Gesundheit Ehrenamt und andere Engagements sollten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Auch hier vom Ende her entscheiden, was Priorität hat. Diese dann in den täglichen und jährlichen Ablauf einplanen, um der Tyrannei von To-do-Listen zu entfliehen, auf denen alle Dinge gleichwertig nebeneinander stehen.

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4. Weg: Gewinn-Gewinn-Denken

Das bedeutet, ein echtes Gefühl für gegenseitig nützliche Lösungen zu entwickeln. Langfristige positive Entwicklungen – genau wie gute Zusammenarbeit und gutes Zusammenleben – entstehen dann, wenn beide Seiten einen Nutzen daraus ziehen. Statt beispielsweise jemandem mit plumper Kritik zu schaden, kann man ehrliches Lob äußern, wovon man in Form von Wohlwollen auch selbst wieder profitiert. Auch in Verhandlungssituationen und geschäftlichen Partnerschaften ist „Win-win“ der nachhaltigere Weg.


5. Weg: Erst verstehen, dann verstanden werden

 Prinzipien für einfühlsame Kommunikation: Versuche zuerst andere zu verstehen, bevor du verstanden werden willst. Man kann andere Menschen am ehesten zu etwas bewegen, wenn man sich zuerst um sie kümmert, ihnen zuhört und versucht sich in ihre Lage zu versetzen. Dies öffnet Türen für die eigenen Anliegen. Oder wie es ein alter Indianerspruch ausdrückt: Man muss erst eine Weile in den Mokassins des anderen gegangen sein, um ihn zu verstehen.

Das Schlüsselwort hier heißt Empathie, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen und die Welt aus seinem Blickwinkel zu betrachten. Der andere spürt dieses heilsame Verstanden werden, was zu einer veränderten Gesprächssituation und positiven Beziehung führt.


6. Weg: Synergien – Prinzipien zur kreativen Kooperation

 Durch Zusammenarbeit andere Menschen an seinen eigenen Stärken teilhaben lassen und ebenso die Stärken anderer Menschen nutzen. Damit werden Ziele erreichbar, die von Einzelpersonen unmöglich zu meistern wären.

Gerade in Verhandlungssituationen geht es immer darum, die Interessen des anderen zu verstehen. Daraus können Kooperationen mit einem gemeinsamen, höheren Ziel entstehen. Die unterschiedlichen Stärken von Personen und Unternehmen können vereint etwas viel Größeres schaffen, als sie allein imstande wären.


7. Weg: Die Säge schärfen

Ein Spaziergänger geht durch den Wald und sieht schwitzende, schimpfende und stöhnende Waldarbeiter, die mit hochroten Köpfen bisher nur zwei Bäume gefällt haben. Viel Arbeit liegt noch vor ihnen. Er geht weiter und trifft auf einen anderen Trupp von Waldarbeitern, der gerade eine Brotzeit macht. Einige Männer sind dabei, ihre Sägen zu schleifen. Das Überraschende daran: Sie haben schon zehn Bäume gefällt. „Wie könnt ihr schon so weit sein, obwohl ihr Pause macht und euer Werkzeug schleift?“, fragt er sie. Sie antworten, dass sie regelmäßig Pause machten und ihre Sägen schleiften, weil es sie unter dem Strich schneller und effektiver mache.

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Grundwahrheiten des Lebens

Das ist ein Bild dafür, dass der Mensch kontinuierlich Zeit braucht, um an seinen Grundwerten, Zielen und seiner persönlichen Entwicklung zu arbeiten. Auch in die eigenen Ressourcen, Fähigkeiten sowie die eigene seelische und körperliche Gesundheit zu investieren kostet Zeit. Wir brauchen Auszeiten, um nicht unter die Räder zu kommen. Manchmal auch Coaching- oder Therapieangebote. Ohne diese Pflege leidet die langfristige Leistungsfähigkeit. Covey rät, feste Zeiten für Sport, Entspannung, Gebet/Meditation, Weiterbildung, Literatur, Kultur und freiwillige soziale Engagements einzuplanen.

Diese grundlegenden Wahrheiten haben mich die letzten 28 Jahre inspiriert. Immer wieder habe ich dieses Buch in die Hand genommen und gemerkt, wie sehr es mich in meiner persönlichen Entwicklung weitergebracht hat. Jetzt bin ich echt gespannt, was es mit unseren Nachwuchsmitarbeitern macht.